Paralisis

  • Indonesien sei schuld. Wieder einmal. So steht es in der „Jakarta Post“ vom 27. August 2016. Seit Jahren verdunkeln Rauchschwaden, die durch illegale Brandrodungen entstehen, den Himmel über Singapur und weiten Teilen Malaysias. Die Qualität der Atemluft sinkt dabei rapide. Nach Messungen der Behörden in Singapur kletterte der Luftverschmutzungsindex [1] am Tag zuvor (14.00 Uhr) auf die Marke 215. Alles über 200 wird von der National Environment Agency (NEA) als „very unhealthy“ bewertet. Wer es sich leisten kann, solle zu Hause bleiben.


                        


    Der indonesische Vizepräsident Muhammad Jusuf Kalla kann die Aufregung und Kritik seines reichen Nachbars nicht verstehen. Schon 2015 ließ er die Presse wissen, dass die Bürger Singapurs lieber die gute Luft, die an Tagen ohne Smog herrsche, genießen sollten.[2] Wie oft müsse sich sein Land eigentlich noch entschuldigen, schiebt Kalla staatstragend hinterher. Äußerungen wie diese sind in einer Welt verlogener, selbstsüchtiger Politiker völlig normal. Besonders im asiatischen Raum scheint man diesbezüglich keine Grenzen zu kennen. Gegenwärtig sieht die Welt mit Grausen auf den Konflikt, der sich im Südchinesischen Meer zusammenbraut; um territoriale Ansprüche geltend zu machen, werden Hunderte Korallenriffe kaputtgeschlagen, um darauf militärische Bastionen zu errichten. Besonders die chinesische Regierung zeigt sich gegenüber Mensch und Umwelt ohne Gnade. Während geografisch weiter oben der für seine Ruchlosigkeit bekannte „Oberste Führer“ Nordkoreas seine Raketen vorzugsweise in den Gewässern des Gelben und des Japanischen Meeres testet, verteilt sich laut GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung kontaminiertes Wasser als Folge des Nuklearunfalls in Fukushima bis an die Küste Nordamerikas. Drei Jahre nach der Katastrophe (2011) erklärt die Regierung Shinzō Abes das Ende des Atomausstiegs …


    Mit seinen zahlreichen Randmeeren ist der Pazifik der größte und tiefste Ozean der Erde. Die nordöstlich vor Australien liegende Korallensee mit dem Great Barrier Reef steht im Ruf, eines der sieben Weltwunder der Natur zu sein. Dass ausgerechnet hier, in unmittelbarer Nähe, der größte Kohlehafen der Welt entstehen soll, bringt Umweltschützer auf die Palme. Erst als die UNESCO drohte, das einzigartige Korallenriff auf die Rote Liste des bedrohten Welterbes zu setzen, lenkte man von staatlicher Seite ein. Seit 2016 dürfen nun keine Hinterlassenschaften, die infolge von Baggerarbeiten entstehen, mehr im Meer entsorgt werden. Trotzig kommentierte der australische Umweltminister Greg Hunt diese Entscheidung mit den Worten, er sehe nicht, dass die Kohlenutzung irgendeinen Einfluss auf den Klimawandel und auf nationale Ökosysteme hätte.[3]


    Mit ähnlichen Problemen sehen sich die Philippinen und Indonesien konfrontiert. Beide Länder liegen im sogenannten Korallendreieck, einem Gebiet mit der höchsten Biodiversität im Meer. Für die auf den Inseln lebende, rasch wachsende Bevölkerung ist der Fischreichtum eine wichtige Grundlage ihres tagtäglichen Überlebens. Was aber, wenn die Netze – durch unkontrollierte und illegale Fischereimethoden verursacht – nichts mehr hergeben? Um den Gesetzen zum Schutz heimischer Ressourcen endlich mehr Geltung zu verschaffen, werden seit Kurzem ungewöhnliche Aktionen medienwirksam in Szene gesetzt. Der neue philippinische Machthaber Rodrigo Duterte erweist sich dabei als ebenso wenig zimperlich wie Indonesiens Fischereiministerin Susi Pudjiastuti, die zum 71. Jahrestag der Unabhängigkeit Indonesiens gleich mal 71 beschlagnahmte Fischerboote mit Dynamit versenkte.[4] Für ihre Verdienste verlieh ihr der WWF 2016 den „WWF Leaders for a Living Planet Award“.


                        




    Während „Bomben-Susi“ eine Frau mit Ideen und Visionen zu sein scheint, kümmert sich ihr Kabinettskollege, der ehrenwerte Vizepräsident Kalla, in erster Linie um sein eigenes Wohlergehen. Denn er ist nicht nur Politiker, sondern auch erfolgreicher Geschäftsmann, der sein Geld unter anderem mit Palmöl verdient. Dieser Rohstoff erzielt seit Jahren Spitzenpreise auf dem Weltmarkt, und so verwundert es nicht, dass sich Palmölplantagen in Indonesien rasant ausbreiten. Auf Borneo und Sumatra beispielsweise haben sich die Anbauflächen seit Anfang der 1990er-Jahre verzehnfacht.[5] Die großen Investoren sitzen ausgerechnet in Singapur. Mit am Tisch der Panda, um das Schlimmste zu verhindern, wie es aus der Zentrale heißt.[6]


    x


    In einer globalisierten Welt sind alle Täter – auch die Verlierer. Während die Lebensumstände armer Fischer und ihrer Familien mehr oder weniger gleich bleiben, wachsen die Vermögen der Profiteure kontinuierlich an. Diese Entwicklung ist kein Geheimnis, wie sich an vielen Beispielen verdeutlichen lässt. Auf meiner letzten Reise nach Indonesien konnte ich sehen, wie weit Menschen im Abseits stehen.


    Auch wenn seit ein paar Jahren eine Brückenverbindung existiert, auf Madura gibt es keine Arbeit, mit der sich Geld verdienen lässt. Die Hälfte der Bevölkerung – über drei Millionen – hat die Insel verlassen und lebt verstreut in vielen Teilen des Landes, vor allem in der Provinz Java Timur. Dort, in der Gegend um Banyuwangi, berichtete mir ein Madurese von einer kleinen Insel in der Javasee, auf der ungewöhnlich viele kranke und gelähmte Fischer lebten. Warum das so sei, konnte er nicht sagen, aber eine Reise dahin würde mir sicherlich die Augen öffnen. Ohne lange zu überlegen, vereinbarte ich ein Treffen mit einem seiner Verwandten, der mich in Sumenep, der Distrikthauptstadt im östlichen Teil Maduras, erwarten und auch auf diese Insel begleiten würde.


    Ein Ausflug in die tiefste indonesische Provinz ist aufregend und manchmal auch riskant. Man sollte auf jeden Fall mit dem Nötigsten ausgestattet sein, denn beten allein hilft im Ernstfall nicht. Außerdem braucht man die richtige Person, um sein Ziel zu erreichen. Mit Ahmad, meinem Begleiter, hatte ich da so meine Zweifel, obwohl er mich zu akzeptieren schien. Das ist bei muslimischen Männern alles andere als eine Selbstverständlichkeit! Geduldig wartete Ahmad an der verabredeten Stelle. Obwohl ich fast vier Stunden zu spät eintraf, war keinerlei Unmut bei ihm zu erkennen. Im Gegenteil, er empfing mich außerordentlich herzlich und verfluchte, als ich ihm den Grund meiner Verspätung nannte, das hiesige Verkehrswesen. Anschließend brachte er mich mit einem kleinen, aber blitzsauberen sowie gut klimatisierten Suzuki ins einzige Hotel mit internationalem Flair, so seine Worte. Ich checkte ein, duschte kurz und trank in einem Zug eine eiskalte Coca-Cola, die mich ein Weilchen außer Gefecht setzte (Hirnfrost nennt man so etwas, glaube ich). Gut erholt ging ich zurück in die Empfangshalle, um den weiteren Verlauf meiner Exkursion zu besprechen. Auch wenn sein Englisch gewöhnungsbedürftig war und es viel Raum für Interpretationen gab, einen Zweifel, dass es sich hierbei um ein Geschäft handelt, ließ Ahmad nicht im Mindesten aufkommen. Als ich ihn direkt fragte, was mich seine Dienste kosten würden, glaubte ich, mich verhört zu haben. Für das Geld hätte ich locker Anteilseigner des Hotels werden können. Höflich, aber entschieden lehnte ich seine Forderung ab und nannte stattdessen einen Betrag, der mir mehr als großzügig erschien. Aber Ahmad schüttelte den Kopf. Die Schiffspassage allein würde schon einiges mehr kosten, von den ganzen Vorbereitungen – den Geschenken für die Dorfvorsteher und alles andere – gar nicht erst zu sprechen. Außerdem müsse ja alles schnell gehen, weil ich ja nur ein paar Tage hier sei. Ich ließ mir sein Angebot noch einmal durch den Kopf gehen, erklärte mich dann mit der Hälfte der Summe einverstanden. Ohne weitere Diskussion willigte Ahmad ein. In 36 Stunden werde das Boot bereitstehen und mich auf die Insel der Paralysierten bringen, Inshallah[7]. In der Zwischenzeit stünde er mir als Fahrer zur Verfügung. Wir verabredeten für den nächsten Tag einen Ausflug ans Meer.




    Ich war mir nicht sicher, ob sich der Morgen schon angekündigt hatte. In meinem Zimmer war es stockdunkel und die Klimaanlage arbeitete schwer wie ein Asthmakranker. In dieses Schnaufen mischten sich – zuerst leise, dann immer lauter – seltsame menschliche Laute, die mein Unterbewusstsein absorbierte und weiterverarbeitete. An den Traum selbst erinnere ich mich nicht mehr, aber an das Entsetzen, das ich spürte, als ich erwachte und feststellte, dass der Horror sich nicht abschütteln ließ. Hunderte vorbiblischer Stimmen brüllten auf mich ein, der Tag des Jüngsten Gerichts schien gekommen. Angsterfüllt fegte ich auf der Suche nach dem Lichtschalter den Nachttisch leer. Dort, auf dem Boden, leuchtete plötzlich das Display meines Handys. Mithilfe der Taschenlampenfunktion hastete ich zu den Vorhängen, riss sie auf und starrte mit angstgeweiteten Augen in das entsetzliche Maul eines auf dem gegenüberliegenden Gebäude hockenden Megafons. Und es war nicht allein! Neben ihm waren weitere dieser Kreaturen, jede in eine andere Himmelsrichtung blickend und sich das Innerste aus dem Hals brüllend.


    Das Höllenspektakel dauerte eine gefühlte Ewigkeit. In der muslimischen Welt sei das erste Gebet des Tages das intensivste, erläuterte Ahmad. Warum sich eine Moschee ausgerechnet neben einem Hotel mit internationalen Gästen befinden musste, konnte er nicht sagen. Vermutlich waren Fragen dieser Art die reine Blasphemie. Aber die Antwort ergab sich dann rasch von selbst: Nach noch nicht einmal einer Minute Fahrt in Richtung Meer hatten wir Dutzende Gotteshäuser passiert. Es gibt sie einfach überall.


    Während unserer Spritztour überraschte mich Ahmad mit einer Ankündigung. „Weißt du, ich bringe dich an den schönsten Strand der Welt. Aber vorher fahren wir noch in mein Heimatdorf!“ Auf der Rückbank lagen verschiedene Kartons mit Lebensmitteln und ein paar Säcke Reis. Da der Suzuki tiefer lag als gewöhnlich, hatten wir offenbar noch mehr Sachen im Kofferraum. Ich bat Ahmad, die Fenster herunterzukurbeln, um dem Fahrtwind die Kühlung zu überlassen. Somit konnte ich schon mal olfaktorisch Bekanntschaft mit der Gegend schließen. Die Luft war erfüllt vom Schweiß des Propheten, gepaart mit dem Staub der Landstraße. Dazwischen mischten sich abwechselnd Aromen, wie sie nur in tropischen Ländern vorkommen; der immergrüne Nelkenbaum und die lieblich duftende Plumeria waren mir am liebsten. Oft stiegen auch Gerüche von Fäulnis auf, wobei nie sicher war, ob sie von reifen Früchten, verrottenden Pflanzenresten oder Kadavern stammten. Nirgendwo sonst als in den Tropen verfolgen einen der Tod und das Wunder der Erneuerung hartnäckiger. Nach einer Stunde Fahrt über Land, vorbei an riesigen Salinen, schmucklosen Dörfern und armseligen Äckern, auf denen Mais- und Tabakpflanzen ums Überleben kämpften, hielten wir im Schatten einer Palmengruppe, um ein letztes Mal telefonisch unser Kommen anzukündigen. Anschließend führte Ahmad zwei weitere kurze Gespräche. Mit einem Handzeichen bedeutete er mir, dass alle Vorbereitungen für den Bootstrip zufriedenstellend verlaufen würden. Über eine Buckelpiste näherten wir uns schließlich dem Ort, der einmal sein Zuhause war.


    x


    Das Dorf Dapinda ist auf keiner Karte zu finden. Noch nicht einmal auf Googlemaps. Es liegt unweit von Pantai Lombang, einem Strand, den man durch seine Schatten spendenden Pinienwälder vielleicht im Mittelmeerraum vermutet hätte, aber nicht am Arsch der Welt! Die Bewohner Dapindas nutzen den Strand als Gemeinschaftsklo. Direkt vor ihrer Haustür scheint das Meer für sie nichts anderes zu sein als ein Ort, an dem Dinge über Nacht verschwinden. Aus primitiven Abwasserkanälen ergießt sich zusätzlich Schmutz und Unrat, dem umherziehende Müllsucher noch etwas abgewinnen können. Während Fischer das zum Himmel stinkende Minenfeld[8] durchqueren, um zu ihren Booten zu gelangen, spielen Kinder im Sand, immer angehalten, Abstand zu nehmen, wenn sich jemand in der Nähe erleichtern will. Ins Wasser geht man anschließend der Reinigung wegen. Baden zu gehen aus Vergnügen, wird hier nicht gerne gesehen.




    Das Empfangskomitee wartet schon auf uns. Wer sich mir vorstellt, ist nicht ganz klar. Der Mann mit dem schlecht sitzenden Zahnersatz hat hier aber offensichtlich das Sagen. Während fleißige Hände das Auto entladen, übersetzt Ahmad in gewohnt kryptischer Weise. Ich bedanke mich für die nette Begrüßung, indem ich einen Knicks andeute. Dieser Geste kann mein Gegenüber offensichtlich etwas abgewinnen und verbeugt sich seinerseits. Alle um uns herum lächeln, das Eis scheint gebrochen.


    Als Nächstes werde ich angehalten, einen Bummel durch den Ort zu machen. Die kleine Menschentraube setzt sich in Bewegung, lotst mich da- und dorthin. Zu sehen gibt es nicht wirklich viel: ein Schulgebäude, eine Moschee, einen Friedhof, einen Verkaufsstand, selbstverständlich das Haus des Vorstehers, gebaut aus Stein, sowie der hölzerne Verschlag einer Familie, die vom Fischfang zu leben scheint, was die Netze, die in der Sonne trocknen, erahnen lassen. Ahmad fordert mich auf, in das Innere der Behausung zu treten, die Zustimmung der Eigentümer geflissentlich übergehend. Ich mache zu dem Mann, der auf dem Boden sitzt, eine Geste, die Bedauern für mein Eindringen anzeigen soll. Er rappelt sich auf und verschwindet nach draußen. Na prima, denke ich. Was müssen wir ihn aus seinem Heim verjagen? Zu sehen gibt es ohnehin nicht viel. Ich entdecke auf einer Art Podest verschiedene Gegenstände, die der Essenszubereitung dienen, mittendrin einen kleinen Gaskocher. An der Wand hängen Aluminiumtöpfe und ein Tiegel. Elektrische Geräte sehe ich keine. Um die Gastfreundschaft nicht zu strapazieren, schicke ich mich an, die Behausung wieder zu verlassen. In diesem Moment betritt der Hausherr den Raum, gefolgt von seiner Frau und seinem vielleicht sechsjährigen Kind. Der Junge hat ein riesiges Heftpflaster auf der Stirn. Nun liegt es an mir, den ersten Schritt zu tun. Ich zeige auf die Verletzung. Mit kurzen Handbewegungen erklärt mir seine Mutter, dass er sich den Kopf beim Spielen gestoßen habe. Ahmad, der Ortsvorsteher und ein paar andere verfolgen interessiert unsere lautlose Unterhaltung. Plötzlich nimmt die Frau ein Sieb zur Hand und demonstriert, wofür es genutzt wird. „Zum Bettenmachen“, präzisiert Ahmad aus dem Hintergrund, was mich im ersten Moment dumm aus der Wäsche gucken lässt. Nein, also wirklich! An der Stelle, wo Sand liegt, befindet sich doch nicht das Schlafzimmer des Ehepaares? „Damit das Bett weich und kuschelig bleibt, muss mindestens einmal täglich gesiebt werden“, fügt Ahmad hinzu. Genau hier habe sie, die Ehefrau, ihrem Sohn das Leben geschenkt. Je mehr Einzelheiten ich erfahre, desto erschütterter bin ich. Bis jetzt glaubte ich immer, den Grad der Armut daran ablesen zu können, ob jemand ein Handy besitzt oder nicht. Ein Leben aber ohne Matratze und ohne Spielsachen für das Kind ist in meinen Augen an Dürftigkeit nicht zu überbieten. Da selbst Wasser zum Waschen nicht zur Verfügung steht, begnügen sich die Familie und ihre Angehörigen, wie mir bestätigt wird, mit fein gesiebtem Sand. Eine weitere Demonstration mit dem Küchensieb räumt jeden Zweifel aus.




    x


    Die Begegnung verfolgte mich gedanklich noch lange. Ich habe in meinem Leben schon einiges mit ansehen müssen, aber die ärmlichen Verhältnisse dieser Familie rührten mein Innerstes. Woher nehmen bitterarme Menschen ihren Lebensmut und wann ist der Punkt erreicht, an dem es auch für sie nicht mehr weitergeht? In dieser Beziehung scheint es keine Grenzen zu geben; absolute Armut entzieht sich unserer westlichen Vorstellungskraft. Nur wer in seinem Urlaub weiterkommt als zu den Tauchbasen in Tulamben oder in Süd-Sulawesi, bekommt eine Ahnung davon, was es heißt, mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen zu müssen. Wenn die aktuellen Armutsstatistiken stimmen, dann kämpft mittlerweile ein Fünftel der Weltbevölkerung ums nackte Überleben. Kriege wie in Syrien oder im Jemen, Hungerkatastrophen in Afrika, Naturkatastrophen, der Klimawandel und Finanzkrisen befeuern diese Entwicklung zusätzlich. Und niemand ist da, der den Wahnsinn stoppt. Die Vereinten Nationen gehören in ihrer jetzigen Form abgeschafft und ersetzt durch eine Völkergemeinschaft ohne Vetorechte verschiedener Großmächte.


    Welchen Eindruck die Menschen auf ihrem Heimatplaneten hinterlassen, zeigt sich besonders schön von oben; aus dem All kann man der grassierenden Umweltzerstörung sogar eine gewisse Ästhetik abgewinnen. Auf dem Weg zurück zum Hotel legte Ahmad eine Pause ein. Wir kauften ein paar Getränke und Kretek-Zigaretten, die uns wieder auf Vordermann brachten. Für mein Empfinden übertrieb es die Sonne an jenem Tag ein bisschen, aber Ahmad winkte ab. Für diese Jahreszeit nichts Ungewöhnliches. Ob mir vielleicht der Sinn nach einer weiteren Entdeckung stehe, wollte mein Begleiter wissen. Ganz in der Nähe befinde sich ein Steinbruch, der schon seit Hunderten von Jahren in Betrieb sei. Na unbedingt, gab ich ihm zu verstehen.


    Nach einem zehnminütigen Fußmarsch gelangten wir an einen Ort, der meine Fantasie beflügelte. Vor meinem geistigen Auge rackern sich zahllose geschundene Menschenleiber ab; im Zeitraffer tragen sie mit primitiven Werkzeugen Berge ab, um sie anschließend zu handlichen Quadern zu verarbeiten. Immer weiter stoßen sie vor, erschaffen so nichtsahnend ein Kunstwerk von außergewöhnlicher Schönheit.




    x


    Mit Wetterumschwüngen sei immer zu rechnen, erklärte mir Ahmad am nächsten Morgen in der Hotellobby. Besonders in dieser Jahreszeit. Was als laues Lüftchen durch Sumenep ging, würde auf dem Meer Wellen von mehreren Metern erzeugen. Keine guten Voraussetzungen für eine Überfahrt. Außerdem müsste ich jetzt eine längere Fahrzeit in Kauf nehmen. Diese betrüge nach Einschätzung des Bootsbesitzers sechs bis acht Stunden. „Wenn nichts dazwischenkommt.“ Seine beiläufige Bemerkung ignorierend, antwortete ich: „Alles klar, ich bin bereit, wenn du es bist!“ Ahmad hob abwehrend die Hände. „Maafkan saya[9], meine Aufgabe bestand darin, dir ein Boot zu organisieren. Mitkommen werde ich aber nicht!“ Das war mir neu. Ungläubig gab ich ihm zu bedenken, dass ich noch nicht einmal die Besatzung kannte. „Es sind drei Brüder, ehrenwerte Leute, die mit Krabben ihr Geld verdienen.“ Langsam dämmerte mir, was es mit der Sache auf sich hatte. Aber so ist die Lage, sagte ich mir. „Gut, dann bring mich zu ihnen!“ „Heute nicht, morgen vielleicht!“, entgegnete Ahmad mit fester Stimme, die keine Widerworte duldete.


    Am nächsten Tag war das Wetter unverändert. Langsam wurde die Zeit knapp. Ich fuhr mit Ahmad zum Schiffsanleger, um meine Chauffeure zu treffen. Wir fanden sie, auf dem Boden kauernd und Zigaretten paffend, vor einem heruntergekommenen Lagerhaus. Alle trugen die gleichen traditionellen Kleider und Mützen, die taqiyah heißen. Weil keiner der drei Anstalten machte, sich zu erheben, hockten wir uns dazu. Auch ich zündete mir eine an, während sich die Männer unbeeindruckt unterhielten. Ich hatte Ahmad instruiert, alles über die Insel und seine Bewohner herauszufinden. Nach zehn Minuten und ohne dass irgendjemand Notiz davon genommen hätte, stand ich auf und ging zum Ankerplatz, um mir die Beine zu vertreten. Keines der Holzboote, die sanft in der Dünung dümpelten, schien mir hochseetauglich zu sein. Auf der anderen Seite, so beruhigte ich mich, hatte ich mein Leben schon häufiger Seelenverkäufern anvertraut und, abgesehen von kleineren Zwischenfällen, immer mein Reiseziel erreicht. Das eigentliche Problem lag woanders. Wie sollte ich mit Leuten reisen, die den direkten Augenkontakt mit Frauen meiden? Mein Bahasa ist nicht das beste, aber würden sie überhaupt mit mir sprechen? Wer stellte mich im Dorf vor? Und außerdem, wann ging es zurück? Auf diese und noch mehr Fragen erhoffte ich mir bald eine Antwort.


    Ahmad kam mir entgegengelaufen. „Alles klar“, rief er, „morgen kann es losgehen, so Gott will! Jetzt brauchen wir nur noch etwas Geld für den Sprit.“ Wir verabredeten uns in einem Warung[10], wo ich ihm, wenn alles geklärt sein würde, die Hälfte des vereinbarten Betrags zu geben beabsichtigte. Aber Ahmad erschien nicht wie ausgemacht. Das sind die Nachteile von Jam Karet[11], resümierte ich und bestellte mir schon mal als Vorspeise eine Grüne-Bohnen-Suppe, die in Wirklichkeit aus Linsen war. Weil der Appetit mit dem Essen kommt, bestellte ich im Anschluss gebackene Kartoffeln und Kadul Kikil Madura, eine sehr delikate Fleischspeise. Als Ahmad nach drei Stunden immer noch nicht auftauchte, gab ich auf. Ich bezahlte und ging zurück ins Hotel, wo mein Handy klugerweise lag. An der Rezeption wartete ein Zettel auf mich: „Treffpunkt morgen 4:30 Uhr vor dem Hotel. Ahmad.“

    x


    Das Ende der Geschichte ist schnell erzählt. Die Verhandlungen mit Ahmad zogen sich in die Länge. Seine Ausflüchte wurden immer fadenscheiniger und deprimierten mich zunehmend; weil sich auch die Wetterlage auf See nicht bessern wollte, sank meine Chance, etwas über die Lähmung bei den Fischern herauszufinden. Die Existenz der Insel, die ich insgeheim „Paisy Island“ nannte, war ohnehin nicht geklärt. Aus den widersprüchlichen Informationen, die ich bisher erhalten hatte, konnte ich mir keinen Reim machen. Das Einzige, was gesichert schien, war Ahmads panische Angst vor dem offenen Meer. Seine Weigerung, an Bord zu gehen, war der Anfang vom Ende gewesen. Nach zwei weiteren nutzlos zugebrachten Tagen im Hotel bat ich ihn, die ganze Aktion abzublasen. Er bedauerte meinen Entschluss, rechtfertigte sich aber, alles in seiner Macht Stehende getan zu haben. Um gute Laune bemüht, lobte ich sein Engagement – und bereute es sogleich wieder: Für seine Dienste verlangte Ahmad mehr als vorher.


    Epilog


    Im Meer eine Insel. Darauf die gesamte Menschheit versammelt. Ob sie sich über Wasser hält, wird sich zeigen. Dazu braucht es Mut und Entschlossenheit. Angst lähmt.


     

    [1] Pollutant Standards Index (PSI): http://www.nea.gov.sg/anti-pol…gs-over-the-last-24-hours.

    [2] The Jakarta Post, 27. August 2016: „In 2015, Vice President Jusuf Kalla criticised Singapore for complaining about haze and asked the city state’s citizens to instead be grateful for the clean air enjoyed during the rest of the year.“

    [3] The Guardian, 6. Mai 2016: http://www.theguardian.com/aus…n-coal-and-climate-change.

    [4] Indonesiens Fischereiministerin greift durch: http://www.3sat.de/page/?sourc…ergrund/183664/index.html.

    [5] Die Welt braucht neues Öl: http://www.zeit.de/wissen/umwe…el-indonesien-brandrodung.

    [6] Wilfried Huismann in Berlin, 22. Juni 2015: „Die Konzerne brauchen die Handlangerdienste des WWF immer mehr, um ihr landgrabbing und die Vernichtung der letzten natürlichen Habitate der Welt politisch durchsetzen zu können." http://www.boersenblatt.net/ar…rlin.972006.html#comments

    [7] Arabisch für „so Gott will“.

    [8] Selbst die Meeresbrise kam nicht gegen den bestialischen Gestank an.

    [9] Indonesisch für „Verzeih mir“.

    [10] Kleines, typisch indonesisches Familienrestaurant.

    [11] Indonesisch für „Gummizeit“.

Teilen

Kommentare